(23. Juli 2018) Die Arbeitswelt ist heute viel volatiler und dynamischer als noch vor ein paar Jahren. Damit einher gehen Umstrukturierungen hin zu wettbewerbsfähigen Geschäftsmodellen und die Investition in neue Arbeitswelten.

 Dittel Frank dittelarchitektenDas Stuttgarter Architekturbüro DIA – Dittel Architekten beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit der Gestaltung von Bürogebäuden und –räumen und hat dafür den Wandel der Gesellschaft im Blick. Frank Dittel, Gründer und Geschäftsführer von DIA sprach mit Chefbüro über neue Raumkonzepte, die Generation der New Work und darüber, warum sich auch geringe Investitionen in den Arbeitsplatz aus seiner Sicht lohnen.

Herr Dittel, die Auftragslage ist aktuell gut für Sie – warum nehmen die Investitionen in neue Arbeitswelten zu?

Unternehmen müssen heute weit mehr bieten als gutes Gehalt und Urlaub – zum Beispiel eine attraktive Arbeitsumgebung. Das liegt zum einen am demografischen Wandel mit kontinuierlich sinkender Zahl an qualifiziertem Nachwuchs, zum anderen erleben wir ein völlig neues Selbstverständnis des Einzelnen und vielseitige Lebenskonzepte. In der großen Auswahl an Jobangeboten rückt das Wohlgefühl des Arbeitnehmers in den Vordergrund. Der Arbeitsplatz und seine Gestaltungsfreiheit kann neben Betriebsklima, Freizeit- und Pausenmöglichkeiten und weiteren Benefits fernab von Gehalt und Urlaub erwiesenermaßen zum Entscheidungskriterium für die Generation New Work werden.

Die Generation der New Work arbeitet überall – lohnen sich zu Zeiten von Home Office und mobilem Arbeiten die Ausgaben für Arbeitswelten überhaupt noch?

Ortsungebundenheit und mobiles Arbeiten verändern die klassische Bürostruktur schon seit Jahren, machen den Arbeitsraum als Treffpunkt und Ort des Austausches jedoch keineswegs überflüssig. Ganz im Gegenteil: Wir glauben, dass der physische Ort in Zeiten der Mobilität umso mehr an Kraft gewinnt. Entscheidend ist, dass Unternehmen die veränderten Nutzungsanforderungen an Räume erkennen und sich auf eine volatile, dynamische Arbeitswelt einstellen: Flexibilität ist auch im Raum gefragt.

Welche Investitionsempfehlungen geben Sie im Hinblick auf neue Arbeitswelten?

Sinnvoll sind Investitionen, die den Weg für eine sich wandelnde Gesellschaft proaktiv bereiten. Sinnvoll sind auch Investitionen, die im Einklang mit der bestehenden Unternehmenskultur stehen oder zu einem ganzheitlichen Change Management beitragen. Für uns als Architekten gilt es immer zunächst zu verstehen, warum wir beauftragt wurden. Ist es vorwiegend der Bedarf nach weiteren Räumlichkeiten oder findet ein komplettes Umdenken der Unternehmung und ihrer Kultur statt? Arbeitet das Unternehmen noch klassisch hierarchisch, oder wirklich agil? In allen Fällen setzen wir uns mit fünf Faktoren auseinander, deren Realisierbarkeit es für jedes neue Projekt zu prüfen gilt: Standards, Flexibilität, Kommunikation, Kreativität, Digitalisierung.

Standards
Der ideale Arbeitsplatz befindet sich in einem Raum mit guter Akustik, Luftzufuhr, Tageslicht, Weitblick – die Natur ist nicht weit weg und das Mobiliar ist ergonomisch geformt. Dann ist für die Gesundeit des Mitarbeiters viel getan. Während die Gestaltungsfreiheit im Neubau hoch ist, stellen Bestandsgebäude eine größere Herausforderung dar, um diese Standards zu erreichen. Mit grünen Innenhöfen und Büros, innovativen Lichtkonzepten und intelligenter Klimasteuerung sind wir heute aber auf einem sehr guten Weg.

Flexibilität
Aus dem Gensler Experience Index, der den Effekt von Raumdesign auf die menschliche Produktivität misst, ergab sich mitunter folgende Erkenntnis: „Single-use-spaces become obsolet“. Wir stimmen dem zu. Heute ist multifunktionales Design gefragt – im Kleinen und im Großen! Sie steigert nicht nur die Nutzungseffizienz von Räumen, sondern reagiert zugleich auf die flexibel sozialisierte Gesellschaft. Denn Mitarbeiter sind es heute gewohnt an einem Ort viele Aufgaben zu erledigen – dies wirkt sich positiv auf die Motivation aus.

Kommunikation / Community
Der Mensch ist ein soziales Wesen, das sich gerne in geselligem und ästhetisch anspruchsvollem Ambiente (z.B. Café, Restaurant, Wohnzimmer) aufhält und dort den Austausch zu Gleichgesinnten sucht. Kein Wunder, dass die Produktivität im Unternehmen steigt, wenn diese Kommunikationszonen und ästhetisches Feingefühl ins Büro integriert werden. Denn gerade in diesen »Break-Out-Zonen« entstehen oftmals die besten Ideen. Ein gutes Konzept schafft es, die Menschen zusammenzubringen, Austausch zu fördern und zugleich Kontemplationszonen bereitzustellen.

Kreativität
Dass Kreativität einen entscheidenden Einfluss auf den Unternehmenserfolg hat, ist bekannt. Moderne Ansätze wie beispielsweise Design Thinking versuchen durch eine nutzerorientierte Herangehensweise die Kreativität und damit innovative Ideen hervorzurufen und zu fördern. Raumkonzepte tragen maßgeblich zu dieser Methode bei. Kreativbereiche sind modular, mobil und offen. Sie bieten vielseitige Gestaltungs- und Bewegungsmöglichkeiten und zwingen nichts auf. Medien, Schreibflächen und mobile Möblierung stehen für eine individualisierbare Nutzung zur Verfügung.

Digitalisierung
Die Investition in digitale Features im Raum lohnt sich in einer Zeit der fortschreitenden Digitalisierung immer mehr. Mithilfe digitaler Technologien öffnet sich das Büro auch virtuell und wird plötzlich zum Treffpunkt für die ganze Welt. Des Weiteren unterstützt eine smarte Raum- und Gebäudesteuerung das Wohlgefühl während die permanente Zugänglichkeit von Informationen in Form von Info-Walls, Projektionen oder 3D-Hologrammen die Effizienz steigern können. Nicht zu unterschätzen ist zudem, dass Technologie die Innovationskraft eines Unternehmens demonstriert und damit eine starke Anziehungskraft auf die technikaffine Generation ausstrahlt.

Sie sprechen von der fortschreitenden Digitalisierung – Wie könnte das Büro aus Ihrer Sicht in 20 Jahren aussehen?

Um überhaupt Prognosen für das Büro der Zukunft aufstellen zu können, müssen wir uns fragen, wohin sich die Gesellschaft entwickeln könnte. Wir glauben, dass die Menschen gesundheits-, sozial- und umweltbewusster denn je sein werden. Wenn wir uns die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritt ansehen, könnten folgende Szenarien durchaus möglich sein: Stichwort Konnektivität –Internet der Dinge und Big Data vernetzen alle Lebensbereiche sowie Produkte, Bauteile und Gegenstände miteinander. Praktisch jeder Mensch besitzt einen virtuellen Assistenten, die Realitätserweiterung durch Virtual und Augmented Reality ist Standard. Die Mobilität ist erweitert, wir können zwischen autonom fahrenden PKWs und Kapseln oder Hochgeschwindigkeitszügen und Drohnen wählen. In dieser Gesellschaft könnte das Büro durch Sensoren als Basis der Intelligenz geprägt sein, die Gesichter, Raumnutzungen sowie Stimmungen erkennen und darauf reagieren. Raumklima, Luftfeuchtigkeit, Lichtbedingungen, Gesundheits- und Produktivitätszustände des Einzelnen würden erfasst und optimiert werden. Oberflächen könnten an jeder beliebigen Stelle ein ausgebendes Medium für Informationen sein. Zusammengefasst wäre das Gebäudeinnere ein auf den Menschen reagierender Organismus – mit Technik im Hintergrund, aber Natur, Haptik, Ergonomie, Kunst und Design im Vordergrund.

Zukunftsszenarien beiseite – haben Firmen auch ohne große Budgets die Chance, ihre Arbeitswelten attraktiver zu gestalten?

Ja, wir glauben, dass auch mit geringem Budget viel erreicht werden kann. Wir behaupten sogar, dass eine gut durchdachte und geplante Investition in den Arbeitsplatz langfristig nicht nur Einsparungen sondern auch einen hohen Mehrwert generiert. Denn das Ziel ist es, gut ausgebildete Mitarbeiter zu finden und zu binden, die in ihrer Tätigkeit motiviert und gesund bleiben. In ganzheitlicher Betrachtung fällt auf, dass personalgebundene Kosten in Unternehmen oft mehr als zwei Drittel der gesamten Ausgaben ausmachen – die Folgen von Unwohlsein am Arbeitsplatz fallen dabei stark ins Gewicht. Raumkosten liegen dagegen häufig bei maximal 10-20%. Die verhältnismäßig geringe Investition in eine Arbeitsatmosphäre, die es versteht, Ausgeglichenheit und Wohlgefühl hervorzurufen, ist in kurzer Zeit gedeckt und senkt die Personalkosten. Wir sind uns darüber im Klaren, dass nicht jeder Firma umfangreiche Mittel für die Raumoptimierung zur Verfügung stehen. Als Architekten haben wir zwar große Visionen, behalten uns aber auch immer unsere realistische Sicht. Ein erfolgreiches Projekt bedeutet für uns, dass wir die Ausgangssituation verstanden haben und dem Unternehmen zur nächstmöglichen Innovationsstufe verhelfen. Eine klare Zonierung, akustische Maßnahmen und ein neues Farbkonzept sind einfache Mittel, die bereits zur Optimierung des Arbeitsplatzes und damit zu oben genanntem Mehrwert beitragen.

http://www.di-a.de

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