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Chefbüro online Interview Juni 2009 mit Dipl.-Ing. Ulf Freiberg, Vorstandsvorsitzender des VOI- Verband Organisations- und Informationssysteme
CB: Herr Freiberg, seit 10 Jahren sind Sie Mitglied im Vorstand des VOI- Verband Organisations- und Informationssysteme e.V. und jetzt wieder der Vorstandsvorsitzende. In dieser Zeit haben Sie viele Schlagworte, Akronyme und Entwicklungen erlebt. Welche Entwicklung ist Ihnen die wichtigste und warum?
Für mich steht Enterprise 2.0 für die wichtigste Entwicklung der letzten Jahre. Endlich wieder ein neuer Trend, der eine unternehmerische und keine technologielastige Botschaft sendet. Und das meine ich ernst. Leider hat diese Entwicklung noch nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Das mag daran liegen, dass sie mehr von den Anwenderunternehmen selbst, als von den Analysten der IT-Branche verinnerlicht wird. Letztere sind ja aktuell damit beschäftigt, den zuletzt propagierten Technologietrend namens SOA zu Grabe zu tragen. Und das genau so „laut“ wie sie ihn seinerzeit in den Himmel gehoben haben. Übrigens stand ich dieser Technologiediskussion schon 2005 auf der Chefbüro-Veranstaltung „Timmendorfer Strandgespräche“ sehr kritisch gegenüber, meine Auffassung regte damals einige Gemüter zur Diskussion an.
CB: Sie sind anscheinend nicht gerade ein Freund von IT-Trends, warum im Fall Enterprise 2.0?
Trends sind Innovationen und, wenn sie einer Vision folgen, als solche sehr wichtig für den unternehmerischen und gesellschaftlichen Fortschritt. Manche verwechseln einen Trend jedoch mit hektischem Aktionismus, was dazu führt, dass mit unreifen Technologien experimentiert wird und, wie im Fall SOA, der Frust nach dem gescheiterten Experiment umso größer ist. Im Fall Enterprise 2.0 liegt das etwas anders. Hier versuchen Unternehmen die erfolgreichen Modelle für Kommunikation und Interaktion aus dem Internet für sich intern, aber vor allem auch in ihren Beziehungen mit Kunden und Lieferanten zu adaptieren. Neben der Verbesserung der unternehmensinternen Kommunikation und der Bewältigung der täglich wachsenden Informationsflut geht es darum, die Beziehungen zu Kunden und Lieferanten so zu verbessern, dass eigene Produkte schneller und besser werden. So können beispielsweise Endkunden und Interessenten im virtuellen Swisscom Lab Teile der Swisscom – Produktentwicklung verfolgen, Betaversionen testen und ihr Feedback abgeben. Der Kunde wird ein Teil des Produktlebenszyklus, was allen Beteiligten nützt und zudem noch Spaß macht. Die Swisscom konnte mit diesem Konzept ihre Produktentwicklungszeiten dramatisch verkürzen und die Produktqualität signifikant steigern – und das, dank erprobter WEB 2.0 Technologie, bei vergleichsweise geringem Investitionsaufwand. Zweifellos ist eine weitere Treibfeder für Enterprise 2.0 aber auch die Angst vor der Anarchie im Web. Der Kunde ist kundig und wird, in den virtuellen Gruppen Gleichgesinnter vom „Mitläufer“ zum „Mitinnovator“. Ich nenne das gern die „Macht der Community“.
CB: Wie kann man sich diese neuen „Machtverhältnisse“ vorstellen?
Versuchen wir dazu einmal eine kleinen Exkurs in die deutsche Fußballbundesliga. Ein, bei oberflächlicher Betrachtung, überraschender Trainerrücktritt kurz vor Saisonende war der bei Eintracht Frankfurt. Eigentlich wollte das niemand im Verein, nicht der Vorstand, nicht die Mannschaft und schon gar nicht der Trainer selbst. Die Fans waren es, die ihren Unmut virtuell zum Ausdruck brachten. In den einschlägigen Diskussionsforen stieg die Anzahl der Teilnehmer sprunghaft an und die Stimmung im „virtuellen Stadion“ kippte nach einem verlorenen Auswärtsspiel schlagartig gegen den Trainer. Nicht zuletzt die Befürchtung, dass diese negative Stimmung aus dem Cyberspace auch auf dem Spielfeld Einfluss nimmt, bewog den Trainer zum Rücktritt. Nun kann man das gut oder schlecht finden, aber diese Form der Einflussnahme ist Realität und kann heute jedes Unternehmen treffen. Eine intensive und kritische Beobachtung des virtuellen Umfeldes eines Unternehmens ist häufig wichtiger als ein Quartalsreport der Verkaufszahlen.
CB: Wie wird aber nun ein Unternehmen zum Enterprise 2.0
Alle Unternehmen stehen vor der Herausforderung, in immer kürzeren Zeitabschnitten neue Produkte und Dienstleistungen zur Marktreife zu führen. Angetrieben von immer höheren Qualitätsansprüchen der Kunden und dem Fortschritt der Technologie ist es notwendig, die Kommunikationsprozesse und den Wissenstransfer im und zwischen Unternehmen zu optimieren sowie den Endkunden in diesen Prozess zu integrieren: Enterprise 2.0 ist unglücklicherweise kein Stück Software, das man in einer kleinen Schachtel kaufen kann. Enterprise 2.0 ist etwas, das man aktiv tun muss. Natürlich gibt es Technologien und Tools, bekannt unter der Überschrift „Web 2.0“, die man installieren und verwenden kann. Gerade letzteres muss man aber auch aktiv nutzen. Enterprise 2.0 ist „Life Style“, um mal ein Beispiel aus dem privaten Umfeld zu verwenden: Wie viele von uns kaufen sich diverse Sportgeräte oder melden sich im Fitnessclub an? Nur wird man allein damit noch nicht fit. Es kommt weiter sehr darauf an, die richtige Sportart zu wählen, ansonsten wird das Ganze zur Qual und nicht wirklich nachhaltig. Und, vor allem, man muss es tun.
Nehmen wir also einmal kurz an, die Web 2.0 Technologien und Tools seien Sportgeräte, die ein Unternehmen womöglich sogar schon irgendwo auf der Inventarliste führt. Dann sollten diese „Sportgeräte“ auch benutzt (eingesetzt) werden. Zuvor sollte man jedoch heraus gefunden haben, welche Disziplin am besten passt und welche Problemzonen in einem Unternehmen zu finden sind. Übersetzt bedeutet das, dass eine Analyse die Prozesse mit dem größten Potenzial für eine Kommunikationsoptimierung identifiziert und eine Konzeption die Auswahl und Planung des Technologieeinsatzes definiert. Erst dann haben alle Spaß am Unternehmens-Fitnessprogramm 2.0. Im Übrigen sind die eingesetzten Techniken oft nicht teuer, so dass man durchaus auch verschiedene Ansätze ausprobieren kann.
CB: Ein gutes Stichwort: Wie teuer ist eigentlich Enterprise 2.0 und ist das in der aktuellen Wirtschaftssituation überhaupt eine überlegenswerte Option?
Ein natürlicher Reflex der Wirtschaft ist es, in Krisenzeiten die „Kostenbremse“ zu treten, so wie jeder sofort „Diät“ schreit, wenn seine Waage eine kritische Marke überspringt. Nur, durch Diät allein wird man nicht fit. Ich sehe zwar vielleicht nach einer Diät besser aus, komme aber deshalb nicht unbedingt schneller die Treppe hoch. Das Gleiche gilt für ein Unternehmen. Durch Kostenreduktion kann es kurzfristig seine Gewinnsituation verbessern, langfristig gesehen wird es dadurch allein aber nicht wettbewerbsfähiger. Glücklicherweise ist der Einsatz von Web 2.0 Technologien gar nicht so teuer wie man glaubt. Es gibt erprobte Alternativen im Open Source Umfeld und so manche Softwareplattform, die Bestandteil der Installationsbasis ist, hat entsprechende Werkzeuge im Gepäck. Die Systeme sind darüber hinaus ausgereift, so dass sich auch das Risiko des Technologieeinsatzes im Vergleich zu anderen Trends der Vergangenheit in Grenzen hält. Unter Berücksichtigung des erzielbaren Nutzens lasst sich ein Return of Invest meist schon in wenigen Monaten erreichen.
CB: Was bedeutet Enterprise 2.0 für den VOI und welche Vision verknüpfen Sie damit?
Im VOI hat die Entwicklung in Richtung Enterprise 2.0 schon vor Jahren begonnen. Im Bereich des VOI-Intranet werden Web 2.0 Technologien zur Kommunikation der Mitglieder untereinander genutzt. Hier greift bereits die eben genannte „Macht der Community“ – alle Mitglieder partizipieren vom Wissen aller. Die VOI Competence Center sind gut aufgestellt. Sie erarbeiten themenorientiert Inhalte und bereiten Praxiserfahrung so auf, dass jedes Unternehmen und jeder Entscheider daraus Mehrwerte generieren kann. Die Handlungsfelder des VOI bzw. seiner Vorstände orientieren sich an den Kernthesen des Enterprise 2.0. Meine Vision hatte ich bereits in einer Mitgliederversammlung im Dezember 2000 wie folgt formuliert: Der VOI als globales Netzwerk für seine Mitglieder bildet die kommunikative Brücke zwischen Anwendern und Anbietern und ist Mitgestalter beim Wandel zur Wissensgesellschaft.
CB: Herr Freiberg, vielen Dank für das Gespräch.
Zur Vita von Dipl.-Ing. Ulf Freiberg:
Ulf Freiberg ist seit 2007 als Solution Manager bei B&L Management Consulting GmbH tätig. Zuvor verantwortete er in mehr als 15 Jahren in verschiedenen Managementpositionen die Themen Knowledge Management und Enterprise Content Management bei unterschiedlichen namhaften Beratungsunternehmen und hat seit dem seinen fachlichen Schwerpunkt im Themenkomplex Knowledge Management in Extended Enterprises und den dazugehörigen Teilthemen wie Enterprise Content Management, e-Learning, Collaboration Management und Research Technologies. Er betreut Projekte von der Strategieberatung über Business Process Engineering und Solutiondesign bis zur Realisierung entsprechender Lösungen. Ulf Freiberg ist seit 1999 im Vorstand des VOI. Von 2002 bis September 2004 war er Vorstandsvorsitzender, von 2004 bis 2007 stellvertretender Vorstandsvorsitzender, seit 23.04.2009 ist er erneut Vorstandsvorsitzender des VOI.
Das Interview führte Chefbüro Online Redakteur Sven Körber
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